Unscharfe Geometrie - die Weiterentwicklung der konkreten Kunst

21.März 2016

Unscharfe Geometrie – Die Weiterentwicklung der Konkreten Kunst

 

Mit dem Begriff der Unschärfe wird landläufig zuvorderst eine Form der Ungenauigkeit bei der Abbildung eines Objekts oder der Wiedergabe eines Sachverhalts beschrieben. Und doch bezeichnet der Faktor der Unschärfe nicht automatisch Fehler im negativen Sinn. So werden nicht nur in der Fotografie Bewegungsunschärfe und Weichzeichnung als künstlerische Methoden gezielt eingesetzt, auch im Kontext der Fortführung einer historischen konstruktiv-konkreten Kunst ist Unschärfe eher als Zeichen inhaltlicher Flexibilität, Kreativität und künstlerischer Professionalität zu verstehen.

 

Die Wiener artmark Galerie hat mit Peter Assmann, dem ehemaligen Direktor der Oberösterreichischen Landesmuseen und neu ernannten Direktor des Museums vom Palazzo Ducale in Mantua, einen Kooperationspartner gewinnen können, der die Ausstellung Unscharfe Geometrienicht nur für Wien zusammengestellt hat, sondern sie ab Dezember 2016 auch in der neu gegründeten Galerie für zeitgenössische Kunst „LaGalleria“ im Palazzo Ducale zeigen wird. Knapp über 50 Künstlerinnen und Künstler hat Peter Assmann ausgewählt, deren Arbeiten sich durch geometrische, die räumliche Dimension einbeziehende Farb- und Formensprache, schlichte Ästhetik und Reduktion auszeichnen.

 

Die Kunstwerke treten gleichsam aus dem Schatten einer strengenObservanz der konstruktiv-konkreten Kunst heraus und verleugnen dennoch ihre Faszination an einer reinen, konzentrierten Formensprache nicht., so Assmann im Gespräch. Der Titel Unscharfe Geometriebeschreibe eine Welt der Stille bei aller Beweglichkeit, eine Welt der punktuellen Ausrichtung bei aller Räumlichkeit und letztlich eine Kunst der Suche nach möglichst großer - nicht absoluter - Reinheit.“ Ein Ausstellungskonzept, das auf die Programmatik der artmark Galerie besser nicht zu- geschnitten sein könnte, fokussieren die Galeristen Maria und Thomas Mark doch auf geometrische Kunst, den konstruktiven Raum, Reduktion und die Poesie des Wenigen. Die facettenreiche Ausstellung bietet im Kontext des Themas Schwerpunkte wie Raum, Fläche, Linie und Bewegung, die als maßgebliche Begriffe der konkreten, konstruktiven Kunst oder auch der Minimal Art Orientierungspunkte liefern und der Fülle der Werke eine zweite inhaltliche Struktur geben.

 

Etablierte Protagonisten der geometrischen Kunst wie zum Beispiel Florentina Pakosta, Esther Stocker, Dóra Maurer, Hermann Painitz, Tibor Gáyor, Manfred Makra, Fritz Ruprechter, Barbara Höller stehen Positi- onen wie Christian Eder, Ilse Aberer, Eric Kressnig, Franz Riedl, Franz Stephan Kohl oder die in Budapest geborenen Edit Lajos und Tamás Jovánovics gegenüber. Erweitert wird das Portfolio auch durch italienische Positionen wie Sonia Costantini, Giulio Camagni und Stefano Loria. Eben so in der Ausstellung zu sehen, sind die Schwarzaquarelle von Joachim Bandau. Der deutsche Künstler wird seit vielen Jahren erfolgreich von der Galerie vertreten.

 

Mit Edit Lajos und Tamás Jovánovics zeigt die Galerie zwei Positionen aus Ungarn, die nicht zuletzt durch die Ausstellungen in der Wiener Galerie in den letzten Jahren reüssieren konnten. Geometrische Exaktheit und geplante Irritation in der Wahrnehmung bilden eine kongeniale Einheit im Werk Tamás Jovánovics und gehen auf vom Künstler zuvor festgelegte Regeln zurück. Die Farbmuster, Netze und rhythmischen Linienstrukturen in seinen Papierarbeiten und Leinwänden sind exakt durchmessen. So konstituieren sich farbige Verdichtungen, die aus der Ferne wolkig-ephemer erscheinen oder es ergeben sich sehr klar strukturierte Raster, die in die Tiefe leiten. Thematisch geht es Jovánovics um Begriffe wie Unendlichkeit des Raums und der Zeit aber auch um die Endlichkeit oder Begrenztheit unseres Wissens um Zeit und Raum. Vielfach scheinen die Liniennetzte, die an eine abstrakte mathematische Matrix erinnern, wie bei Jackson Pollocks All Over Paintings“ über den Bildträger hinauszuführen und nur einen Ausschnitt eines      übergeordneten Zusammenhangs zu zeigen. Die Bilder, Collagen und Reliefs von Edit Lajos gründen sich ebenfalls auf mathematischen Denkmodellen. Sie kombiniert Geometrie und räumliche Vorstellungen mit dem Gegen- stand und entwickelt ihre Werke ausgehend von ihrer persönlichen Geschichte. Ihre Eltern und auch die Schwester sind Mathematiker und Ingenieure. In diesem Umfeld aufgewachsen, sind ihre Arbeiten mathematisch streng durchgeplant. Zahlen und Zahlenverhältnisse, so berichtet die Künstlerin, üben einen starken visuellen Einfluss auf sie aus: Vor einer Hochhausfassade stehend spielt Lajos wie automatisch Proportions- und Zahlenverhältnisse der Fensterreihen zur Architektur des Wolkenkratzers gedanklich durch. Farben sind für die Ungarin Energie und Emotionen, die sich malerisch wie eine Progression im Raum entladen. Die in ihren Gemälden exakt gesetzten Faltungen tauchen auch in den architektonisch anmutenden Collagen auf, in denen sie Geometrie und Gegenstand miteinander verbindet.

 

Ebenso vertreten in der Ausstellung sind Arbeiten von Florentina Pakosta, einer einprägsamsten österreichischen Künstlerinnen, die in ihrem Ihr Spätwerk in der Werkgruppe der Trikolore Bilderzur einer reduktiven konstruktivistischen Gestaltungsweise überging. Manche der Balkenformationen in Florentina Pakostas Trikoloren Bildern“ konstituieren sich auch zu einer Art „all over Struktur“, indem die zweifarbigen Balken vor dem monochromen Hintergrund, der die Aufgabe der Tiefenillusion übernimmt, über das Bildgeviert hinauslaufen und weder Anfang noch Ende haben. Die trikoloren Bilder, die sich Ende der 1980er- Jahre aus den Werkgruppen der Menschenmassenund Warenland- schaftenentwickelt haben, nehmen für sich nicht nur politische, gesellschafts- und konsumkritische Aspekte in Anspruch. Sie verweisen auch dezidiert auf Persönliches, auf traumatische Erlebnisse, die Pakosta seit ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Seit etwa fünf Jahren zeigt sich eine vierte Farbe inmitten der geometrischen Bewegungen. An den Stirnseiten der Balken setzt Pakosta mit hellen Tönen punktuell Lichter ins Bild und durchbricht auf diesem Weg die vormalige Stabilität der perspektivisch angelegten Gesamtkonstruktion zugunsten einer neuen Offenheit. Neben der Perspektive spielt im Werk Dóra Maurers, die als führende Vertreterin der geometrischen Kunst Ungarns gilt, im Gegensatz zu Pakostas Malerei die Transparenz eine wesentliche Rolle. Auch die Verschiebung von Flächen vertikal und horizontal gehört zu den zentralen Grundprinzipien ihrer Arbeit. Diese Verschiebungen provozieren räumliche Aspekte, die ebenfalls schon immer einen hohen Stellenwert in ihrer Kunst dargestellt haben. Mit malerischer Finesse stattet Maurer ebene Bildträger mit einer gewissen Körperlichkeit bzw. scheinbaren Räumlichkeit aus. Die Künstlerin kippt die Ebenen virtuell, biegt die Flächen malerisch, so dass Balancesituationen entstehen,         perspektivische Schichtungen oder vermeintliche Wölbungen treten zu Tage, die beim genaueren Betrachten allerdings in der Fläche verhaftet sind.

 

Zur selben Generation wie die Edit Lajos und Tamás Jovánovics gehört auch der 1976 in Bad Ischl geborene Franz Riedl. Ausgangspunkte seiner Werke sind oftmals bestehende Architekturen. Der Künstler fotografiert ausgewählte Gebäude und versieht die entwickelten Abzüge mit technischen (Über-)Zeichnungen. Riedl spricht hier von „Architekturerweiterungen“. Ihm geht es um Verschiebungen, Neuordnungen und ein Weiterdenken von Regelwerken des öffentlichen Raums. Faszinierend sind seine fluchtpunktartigen Messerschnitte. Durch exakt gesetzte horizontale und vertikale Schnitte entstehen Karton- und Papierreliefs von imaginären Architekturen, deren feines Licht- und Schattenspiel mit einer besonderen Leichtigkeit in den Raum strebt.

Mit Barbara Höller, Eric Kressnig und Franz Stephan Kohl zeigt die Ausstellung zwei weitere wichtige Protagonisten der österreichischen Szene. Eric Kressnig verfolgt in seinen Objektbildern einen konzeptuellen Ansatz und entwickelt seine oft auch seriellen Arbeiten nach einem präzise durchdachten und stringenten System und steigert die Wirkung seiner farbigen geometrischen Flächen und Linien durch die Einbeziehung der unbehandelten Leinwand. Barbara Höllers neue Arbeiten beschäftigen sich mit der gleichzeitigen Wahrnehmung mehrerer Raum- perspektiven. Zu diesem Thema werden mehrteilige transformierbare Bildobjekte sowie Tuschzeichnungen gezeigt. Barbara Höller verwendet mathematische und konstruktive Elemente, um Bilder zu generieren. Reale Räume werden mittels mathematischer Prinzipien untersucht. Die Inspirationen für die Malerei von Kohl sind in der konkreten Kunst, der Minimal Art und der Auseinandersetzung mit elektronischer und zeitgenössischer Musik zu finden. Komponierte Farbfelder, horizontale, vertikale und diagonale Liniensegmente treten miteinander in Beziehung und strukturieren durch ihre Positionierung zueinander den Bildraum. Ausgestellt ist unter anderem auch eine Arbeit der neuen Serie „Bridging the surface“ (2015), in der Linien, Balken und Bögen die Bildfläche überbrücken. Durch spannungsreiche Kreuzungspunkte und Überlagerungen der Formen entstehen heterogene Flächen, die durch Schraffuren und farbliche Abstufungen dem Gesamtmotiv Volumen und räumliche Tiefe verleihen.

Mag. Hartwig Knack

Kulturwissenschafter und Kunsthistoriker


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